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Gegensätze in St. Georg

Gestern Abend fand unsere Veranstaltungsreihe WWW in St Georg statt. Aufgrund der warmen Temperaturen entschieden wir uns spontan, die Runde nach draußen zu verlegen und hatten so einen regen Austausch, quasi mitten auf dem Hansaplatz. Das Podium setzte sich aus dem Diplomsoziologen und Streetworker des BASIS-Projekts, Gerhard Schlagheck, Maximilian Bierbaum von der GRÜNEN Jugend und natürlich unserem Fraktionsvorsitzenden Michael Osterburg zusammen.

Eins wurde schnell klar: das Thema „Armer Stadtteil - Reicher Stadtteil – Sichtbare Armut in St. Georg“ ist eines, dass jeden im Stadtteil bewegt.

 

Gerhard Schlagheck, der seit 17 Jahren als Streetworker mit Strichern und deren Freiern arbeitet, beobachtet eine deutliche Zuspitzung der Situation: „Die Gegensätze in St. Georg verschärfen sich, früher war das hier ein Drogenviertel und viel weniger Reichtum vorhanden. Der Tourismus hat stark zugenommen und das Schicke der Langen Reihe schwappt inzwischen rüber bis zum Steindamm. Ich arbeite mit Strichern, die arm sind und aus prekären Lebensverhältnissen stammen. Diese sind auf einen Stadtteil angewiesen, in dem sie sich frei bewegen können. Die Kontaktverbotsverordnung aber drängt die Prostitution in die „Uneinsehbarkeit“, wodurch mehr Gewalt vorprogrammiert ist.“

 

Auch Michael Osterburg findet das strikte Durchgreifen der Stadt bedenklich: „Natürlich haben wir hier den Spagat zwischen den Anwohnern, die unterschiedlichster Ansichten sind, zu bewältigen. Aber die Erwartungen der Neuzugezogenen sind oft auch erstaunlich, ich kann doch nicht in eine Bahnhofsgegend ziehen und ein Umfeld wie Niendorf erwarten. Ich wünsche mir für St. Georg, dass wir mit konkreten Maßnahmen dafür sorgen, dass der bunte Mix auf positive Art und Weise erhalten bleibt. Wir wollen, dass der Stadtteil für alle da ist, setzen auf sozialen Wohnungsbau, eine verstärkte Unterstützung der ansässigen sozialen Träger, weniger „Eventisierung“ und ein Konzept der Integration für den Hauptbahnhof. Hier wären neue Ideen für den Bahnhofsvorplatz denkbar, am Herzen liegt uns vor allem ein Trinkerraum.“

 

Maximilian Bierbaum, der nach dem Abitur neu nach Hamburg zog, zeigt sich verwundert über das vorgehen der Regierung: „Es ist klar, dass es in einem Ballungsraum, einer Großstadt wie Hamburg soziale Spaltung gibt, aber es ist doch sehr verwunderlich, dass die offensichtlichen Probleme verdrängt und nicht erkannt und angegangen werden. Stattdessen wird hier einem Stadtteil ein bürgerliches Bild aufgedrückt, das nicht der sozialen Realität entspricht. Wir sollten uns fragen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen - unsere schöne neue Welt entspricht nicht der Realität.“

 

Das gestrige Gespräch zeigt, wie das Leben für die Anwohner ein Balanceakt zwischen Rücksichtnahme auf Andere und dem Wunsch nach einem angenehmen Wohnumfeld ist: „Natürlich will ich nicht, dass hier jemand vertrieben wird, aber trotzdem möchte ich auch nicht aus dem Fenster gucken und offenen Prostitution sehen müssen. Es gibt hier Straßen, da fühle ich mich als Frau einfach nicht wohl.“ beschreibt eine Anwohnerin. Auch Michael Joho vom Anwohnerverein fragt sich, wo der Stadtteil hingeht: „Für mich ist nicht der Anspruch, dass jeder Teil St. Georgs für jeden da ist, es darf auch „Nischen“ geben für die, die sie brauchen. Aber wirklich unmenschlich finde ich, wenn wir hier die Hilfe, wie z.B. ärztliche Versorgung für Prostituierte, für Menschen streichen, die sie wirklich benötigen. Die Zunahme von (Wohn-)Eigentum im Stadtteil wird Veränderungen mit sich bringen und befürchte, nicht zum Guten.“